[Tschiltan]:

In Deutschland sichtbar wurden die Geister erstmals als Musikensemble »Tschiltan« im März 1998 am Zentralasienseminar der Humboldt-Universität zu Berlin. Es ist daher kein Wunder, dass fast alle Mitglieder der Gruppe fachlich und beruflich mit Zentralasien verbunden sind: durch die Arbeit in den Bereichen Politik, Ethnologie, Wirtschaft, Religion, Linguistik, Musikwissenschaft und Literatur und durch viele Reisen in die Region. »Tschiltan« sprechen viele Sprachen: Persisch, Usbekisch, Kasachisch, Tadschikisch, Kyrgyzisch, Turkmenisch, Mongolisch, wenn es sein muss, auch Arabisch, Türkisch und Russisch (und Deutsch).
Der einzige Musikprofi im Ensemble ist Furkat Niyazi, der 2004 mit dem Titel »Verdienter Künstler der Republik Tadschikistan« geehrt wurde. Gleichwohl arbeitet »Tschiltan« mit einem professionellen Anspruch, äußerst sorgfältig werden Instrumentierung, Koloraturen und Choreographien einstudiert. Unter seiner künstlerischen Leitung wurden in zahllosen Proben rund 50 verschiedene Musikstücke erarbeitet.

2002 reiste die Gruppe nach Tadschikistan und nahm bei einheimischen Lehrern intensiven Gesangs-, Tanz- und Instrumentalunterricht. 2003 gewann »Tschiltan« den Publikumspreis der Stadt Samarkand beim internationalen Musikfestival »Sharq Taronalari« in Usbekistan. Konzerte und Interviews wurden und werden in Kirgizstan, Tadschikistan und Usbekistan von lokalen und nationalen Fernsehstationen ausgestrahlt. »Tschiltan« hat bei seinen Aufenthalten in der Region viele Künstler kennengelernt und sie bei ihren Besuchen in Europa unterstützt. Auch mit hier in Europa lebenden Künstlern zentralasiatischer Herkunft kooperieren sie (Central Asia Prague Ensemble, Ari Babachanov, Hafez und Devyani Ali). 2005 wurde eine CD produziert.

Einige Worte zu Zentralasien: Genau genommen beschäftigt sich die Gruppe mit dem westlichen, vorwiegend turk- und iranischsprachigen Teil Zentralasiens, d.h. mit Ländern und Regionen wie Kasachstan, Kirgizstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Xinjiang und Afghanistan. Die Verbreitung der verschiedenen musikalischen Kulturen und Stile verläuft jedoch nicht entlang der Staatsgrenzen – ein kasachisches Lied kann auch aus Xinjiang stammen. Tschiltan will etwa mit usbekischen und tadschikischen Liedern nicht die kulturpolitischen Nationalismen der betreffenden Länder reproduzieren, sondern möchte die einzelnen musikalischen Genres und Formen kennen lernen, ihre Vielfalt genießen und bei Auftritten präsentieren. Der Name Tschiltan erweist sich so nachträglich als Programm – er steht für die ganze Region und bedeutet doch immer wieder etwas anderes.

Der Gruppe hat sich oft die Frage der Authentizität ihrer Musik gestellt. Sowenig aber eine traditionelle Kultur ein definierbarer statischer Zustand ist, sowenig kann sie »erreicht« und dann »authentisch« wiedergegeben werden. Ist finnischer Tango oder französischer Hiphop authentisch? Die Arbeit der Gruppe ist eher ein Prozess der stetigen Aneignung musikalischer Traditionen Zentralasiens unter dem Motto: »Richte keinen Schaden an, sei aufrichtig, hab Spaß dabei!« (der CD eines befreundeten Musikers entlehnt).
»Tschiltan« tritt zumeist in traditioneller Kleidung der verschiedenen Regionen auf. Das zielt nicht auf einen touristischen Folkloreeffekt ab. Abgesehen davon, dass sich einzelne Lieder auch auf traditionelle Kleidungsstücke beziehen, stellt die Kleidung einen visuellen Habitus dar, der die Musik unterstützt. Musik und Habitus machen zentralasiatische Lebenswelten für das deutsche Publikum erfahrbar.